Morrisey gerät (wieder) in antirassistische Kritik
Dez 31st, 2007 | By bitxidenda | Category: infos, music, politixDer Sänger Morrissey ist wieder einmal in den Focus antirassistischer Kritik geraten
Anlässlich ihrer jüngsten “Love music, hate racism”-
Als Jonze während des Gesprächs darauf zu sprechen kam, ob Morrissey, ehemals Frontmann der legendären britischen 1980er Combo
Rassisten, Antirassisten
Zugleich wies er aber darauf hin, dass das “Einwanderungsthema” ein äußerst schwieriges sei. Er habe nichts gegen Menschen anderer Hautfarbe. Aber je mehr davon aus anderen Ländern nach Britannien kämen, desto mehr verschwände die britische Identität. Das sei umso bedauerlicher, weil die britische Identität für ihn, den Sohn irischer Einwanderer, sehr attraktiv sei.
Britische Angewohnheiten amüsierten ihn sehr. So wie er sich die Freiheit nehme, in der ganzen Welt herumzureisen, solle diese Freiheit auch für andere gelten. Die Einwanderungswellen der letzten Jahre habe zwar die britische Identität insgesamt bereichert, all das ändere aber nichts daran, dass die britische Identität der Vergangenheit angehöre (
Offenbar ahnend, was möglicherweise diesen Sätzen folgen könnte, gab Morrissey Tim Jonze danach ein zweites Telefoninterview, indem er den Journalisten darauf aufmerksam machte, dass er seine Äußerungen über das Verschwinden britischer Identität ausdrücklich nicht in Zusammenhang mit der Einwanderungspolitik des Vereinten Königreiches gebracht wissen möchte. Gewiss seien seine Eltern damals auch als Einwanderer nach Manchester gekommen, aber die Zeiten und Bedingungen von heute seien andere als damals. Mittlerweile stünden die Tore Englands für jedermann offen, jeder könnte nach England kommen. Trotzdem oder gerade deswegen halte er Rassismus aber für eine große Dummheit. Und zwar für so dumm, dass er keinen vernünftigen Grund kenne, der rechtfertige könnte, dass man darüber überhaupt diskutiert.
Eine Art Hassliebe
Was danach geschah, und wie es zur Skandalisierung dieser Sätze kam, ist nicht mehr leicht zu klären oder zeitlich nachzuvollziehen. Zu widersprüchlich, unlauter und unterschiedlich sind die Angaben, die die Beteiligten abgeben. Fakt ist, dass in der letzten Novemberausgabe der NME der Sänger auf der Frontseite des Magazins mit den Worten zitiert wird: “The gates of England are flooded. The country’s been thrown away” (Englands Schleusen sind offen. Das Land ist aufgegeben worden). Dazu wird sein Konterfei abgebildet mit der Zeile: “Bigmouth Strikes Again. Oh Dear, Not Again” (Das Großmaul schlägt zurück. Oh mein Lieber, nicht schon wieder).
Dazu muss man vielleicht wissen, dass es eine jahrzehntelange Art von Hassliebe zwischen dem Sänger und dem Magazin gibt. Schon vor fünfzehn Jahren wurde gegen ihn der Rassismusverdacht erhoben, als er sich während des Songs “National Front Disco”, der die Zeile “England for the English”
Gerade von dem Magazin wurde Moz wegen seines Schwulsein, seines dandyhaften Auftretens und seiner Weltschmerzallüren, denen er in seinen Songs Ausdruck verleiht, als zweiter Oscar Wilde verehrt. Viele Popjournalisten, die heute in den Magazinen und Feuilletons den Ton angeben, sind mit seiner Musik und mit der der “Smiths” aufgewachsen und sozialisiert worden. Weswegen sein Abgang Anfang der 1990er heftig bedauert und sein überraschendes Comeback auf die Bühne als Solist Anfang des Jahrtausends einhellig beklatscht und bejubelt wurde (
Aufwärmen alter Geschichten
Darum verwundert es schon etwas, dass ihm diesmal Selbiges wieder unterstellt wurde, nämlich ähnliche Worte zu gebrauchen wie die British National Party (BNP) in England. Um das zu belegen, wurde nicht nur an die berüchtigte “Rivers of Blood”-Rede
Damit aber nicht genug. Dem Sänger wurden auch die Inhalte oder zweifelhaften Textzeilen einiger seiner Songs vorgehalten, beispielsweise der Song
Zwar ging Conor McNicholas, der Herausgeber des NME, nicht so weit, Morrisey offen als “Rassisten” oder “Ultranationalisten” zu bezeichnen, der Positionen der BNP vertritt, sah aber in seinem Kommentar ein “gefährliches Echo”, das durchaus gegen die hiesige Einwanderungspolitik gerichtet und daher wenig hilfreich in einer Zeit großer Veränderungen sei.
Chronik einer Skandalisierung
Nachdem die Ausgabe auf dem Markt war, brach sowohl in den
Management und Anwälte des Sängers bezichtigten das Magazin des “Rufmords” am Sänger. Sie bemängelten, dass Sätze aus dem Kontext gerissen und so montiert worden seien, dass der Rassismusverdacht auf den Sänger notwendigerweise habe fallen müssen. Vom Herausgeber verlangten sie eine Entschuldigung und eine Gegendarstellung. Sie verwiesen auf zwei Songs, auf
Auch Tim Jonze, der die Interviews geführt hatte, sah sich genötigt, sich zu dem Vorfall zu
Hysterisierung eines Sachverhalts
Von den ebenso sonderbaren wie verwirrenden Abläufen und Hintergründen dieser Schlammschlacht erfährt der deutsche Leser nur am Rande. Dafür umso mehr über die Skandalisierung und den Rassismusvorwurf. Wiedergegeben wird hauptsächlich der Standpunkt des Magazins. Ausführlich zitiert werden die inkriminierten Sätze und die zweifelhaften Songtexte, aufgewärmt wird erneut die Union Jack-Geschichte. Mitnichten wird erwähnt, dass sich auch andere Britpop-Stars mit dem Union Jack schmücken oder geschmückt haben, Noel Gallagher zum Beispiel auf seiner Gitarre oder die Spice Girls mit dementsprechenden T-Shirt. Mitnichten wird erwähnt, dass es über den Vorfall auch andersartige Zeugenberichte gibt. Und mitnichten wird erwähnt, dass es sehr wohl Texte von Morrissey gibt, aus denen man genau das Gegenteil ablesen könnte.
Während die FAZ das Ganze unter der Rubrik: Geschwätz eines “Unpolitischen” abtut und daran erinnert, dass Morrissey eher Narzisst als “fremdenhassender Rassist” ist und Weltekel immer schon zu seinem Repertoire und dem von “The Smiths” gehört hat, ordnet die SZ den Vorfall penibel ein in eine lange Latte rechtsgerichteter Äußerungen, die von ältlichen Popstars und Avantgardisten jüngst überliefert worden sind. Etwa von Vivien Westwood, die ein Manifest
Der Fall hat Methode
Normalerweise könnte man das Ganze der Rubrik “üblicher Alarmismus” zuordnen oder als solchen abtun. Man könnte auch verwundert den Kopf schütteln und sich fragen, ob Feuilletonisten nichts Besseres zu tun haben, als, um den angeblich berüchtigten Leo Strauss zu zitieren, im Exoterischen nach Esoterischem zu graben. Und man könnte den Fall auch als innerbritische Angelegenheit abtun und zur Tagesordnung übergehen, wenn Ablauf wie Skandal, das Mix aus Verdächtigungen, Unterstellungen und Anschuldigungen nicht Methode hätte und einem bestimmten Schema folgen würde. Spätestens seit dem Fall der Mauer und dem Ende des Kalten Krieges ist politisch korrektes Sprechen, das im Moralisieren von Haltungen, Stilen und Mentalitäten endet, an die Stelle fundierter und ernst gemeinter Kritik getreten. Auch darum kann der Vorfall als Lehrbeispiel für die fortschreitende Hysterisierung westlicher “Erregungsgesellschaften” (Peter Sloterdijk) gelten.
Rassistische Äußerungen sind schlimm, keine Frage, besonders wenn sie sich mit Hass und Abscheu paaren oder davon zeugen. Vermeintlicher oder unterstellter Rassismus ist, wenn er öffentlich erhoben wird, allerdings “Rufmord”. Vor allem, wenn er im Bewusstsein und vollem Wissen um die Aufmerksamkeitsökonomie geschieht, wenn Sätze nicht gefälscht, aber so montiert und verschraubt werden, dass sie skandalös wirken und eine bestimmte Botschaft vermitteln, wenn sie künstlich aufgebauscht werden, um die eigene Auflage zu steigern und andere in Misskredit bringen.
Allein der Vorwurf des Rassismus und/oder des Antisemitismus reicht mittlerweile aus, um eine Person gesellschaftlich für tot zu erklären. Insofern ist Morrisseys Vorgehen, das seiner Anwälte und seines Management verständlich. Und mittlerweile hat er auch im Guardian eine Gegendarstellung erreicht. Unter der Überschrift: “Ich verabscheue Rassismus” kann man seine Sicht der Dinge nachlesen (
Wie auch immer die Vorgänge abgelaufen sind. Sicher ist, dass das, was der Sänger geäußert hat, weit weniger anstößig ist, als das Magazin uns glauben machen will. Bei Lichte besehen ist sein Kommentar zur Lage auf der Insel ziemlich harmlos. Von ihm hätte man im Prinzip Schärferes und Pikanteres erwartet. In Britannien findet man solche Meinungen und Äußerungen mittlerweile zuhauf. Nicht nur bei den Torys, sondern auch in den beiden anderen, großen Parteiungen auf der Insel, bei Labour ebenso wie bei den Liberalen. Aber nicht nur da, auch in den Foren, wie man den Kommentaren zu den einzelnen Artikeln und Blogs entnehmen kann..
Das mag man von einer bestimmter politischen Warte aus betrachtet zwar beklagen und bedauern, ist aber Fakt. Wer den Verlust des je Eigenen (was immer das auch ist) betrauert, die eigene Flagge schwenkt, sich mit nationalen Symbolen drapiert oder auf sein Land und seine Eigenwilligkeiten stolz ist, ist noch lange keine Rechtsradikaler, Rassist oder Fremdenfeind. Wäre das so, wäre das ganze Genre des “Britpop” oder “Krautrock” Rassismus verdächtig. Jedes Dafür- oder Fürsichsein, jede Differenzsetzung setzt Abgrenzung voraus. Merkwürdigerweise erlaubt man andersfarbigen Zeitgenossen das, weißen Zeitgenossen hingegen nicht. Ihnen spricht man vielmehr das Recht ab, das Eigene, die Kultur, den Lebensstil, die Tradition oder was auch immer zu loben oder zu betonen. Wenn man so will, handelt es sich hier um eine besondere Art von Selbst- oder Eigenhass, der, wie Nietzsche sagen würde, in Selbstverkleinerung endet.
Lebenslügen und Selbstbetrug
Und noch auf etwas macht der Vorfall nachhaltig aufmerksam. Er weist uns auf die Widersprüche und Lebenslügen einer ganzen Generation von Pop-Journalisten und/oder Pop-Feuilletonisten hin. Folgt man ihren Überzeugungen und Glaubenslehren, dann hat der Popstar gefälligst politisch links zu sein. Obwohl ihre Motivation und Herkunft höchst unterschiedlich sind, die einen kommen aus zerrütteten Familien, die anderen suchen einfach nach ästhetischer Ausdrucksweise oder musikalischem Neuland, hat der Rock- oder Popstar ihrem Dafürhalten nach George Bush zu beschimpfen, sich als Working Class Hero zu präsentieren und die bunte Vielfalt der Kulturen zu preisen.
Dass in der schwarzen HipHop-Kultur den übelsten Machismen gehuldigt und Pornogewaltfantasien aus- und verbreitet werden, die die sexuelle Verwahrlosung einer ganzen Jugendgeneration zur Folge haben, scheint die Pop-Diskursler nicht sonderlich zu stören. Dafür aber umso mehr, wenn ein weißer Sänger den Verlust britischer Identität und Kultur beklagt. Was daran allerdings rassistisch oder fremdenfeindlich sein soll, erschließt sich weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick.
So gesehen offenbart die Empörung wieder einmal mehr über die Gesinnung der Kritiker als über den Kritisierten. Mehr als über vermeintliche oder unterstellte Rassismen müssen wir uns vor den Antirassismen selbsternannter “Wächter” der Gesellschaft in Acht nehmen. Die Zeit der Wohlfahrtsausschüsse, die Martin Mosebach jüngst bei seiner Büchner-Preisrede wieder ins Gespräch gebracht hat, ist nicht vorbei. Im Gegenteil, sie tagen noch und fühlen sich nach wie vor zur “Abwehr gegenrevolutionären Übels”
Dass sie nicht ausgestorben sind, und auch nicht erst 1992 in Köln und Hamburg revitalisiert worden sind, als Diedrich Diederichsen, heimlicher Kopf dieser Ausschüsse, angesichts der Ereignisse in Rostock, Mölln und anderswo in der SPEX den Konkurs linker Dissidenz erklärt hat, kann man dem Briefwechsel zwischen Hans Blumenberg und Carl Schmitt entnehmen. Gemünzt auf die studentischen Lautsprecher, die seine Veranstaltungen Mitte der 1970er Jahre immer wieder störten, teilt der politisch jederzeit unverdächtige Philosoph Hans Blumenberg dem Rabbiner und politischen Theologen Jacob Taubes anno 1977 in einem Brief mit:
Moralische Zensoren, die an allen Ecken und Enden ihre Gerichtstage halten, Schilder umhängen und Plätze auf der Skala zwischen Rechts und Links verteilen, sind mir zuwider. […] Wer da richtig placiert ist, bekommt jeden Applaus und jede argumentative Hilfe, jede Nachsicht und jeden hermeneutischen Kredit bis an die Grenze des Widersinns und über diese hinaus.
C&P aus telepolis



