Santiago, der Putsch und die Erinnerung

Sep 18th, 2008 | By downi | Category: history, politix, society

Wie ist es, heute dort hin zu gehen, wo man vor 35 Jahren verhaftet, interniert und von Pinochets Soldaten misshandelt wurde? Alfonso Ugarte besucht die chilenische Hauptstadt.

Toni Keppeler
Das Nationalstadion in Santiago de Chile ist eine schlichte Sportarena aus Beton, bunt angestrichen, am Rand einer achtspurigen Autobahn. Auf der anderen Seite der Straße beginnt ein Mittelklasse-Viertel: Einfamilienhäuschen mit gepflegten Gärten. An klaren Tagen, wenn die Dunstglocke über der Acht-Millionen-Stadt nicht zu dicht ist, sieht man im Hintergrund die schneebedeckten Gipfel der fast 7000 Meter hohen Anden. Kein Mahnmal, nicht einmal eine Plakette weist darauf hin, dass in diesem Stadion vor 35 Jahren gefoltert wurde.

Nach dem Militärputsch gegen den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende vom 11. September 1973 waren hier Tausende inhaftiert, unter ihnen Alfonso Ugarte. Zwei Monate hat er in dem Stadion verbracht. Ein einziges Mal war er danach noch mal hier, zu einer Demonstration auf dem Platz vor der Arena. Jetzt ist er das zweite Mal zurückgekommen. „Es ist viel größer, als ich es in Erinnerung hatte“, sagt er. Vorsichtig steigt er die Ränge hinauf, traut sich kaum, das Geländer anzufassen. Das Stadion ist ihm noch immer ein feindlicher Ort. Lange schaut er hinunter aufs Fußballfeld.

Er erinnert sich daran, wie er dort unten morgens um zwei zusammen mit allen anderen Häftlingen antreten musste. Das Flutlicht war eingeschaltet, Maschinengewehre zielten auf die Menge. „Wir hatten Angst.“ Reihe an Reihe standen die Gefangenen, erst im Licht sah er wie viele sie waren. Damals war Ugarte 33. Heute ist er 68. Ein kleiner drahtiger Rentner mit großer Brille und Schnauzer. Er spricht nachdenklich, leise, mit hoher, fast sanfter Stimme. Beim Gang durch die dunklen Gänge unter der Tribüne bleibt er immer wieder stehen.

„In dem Saal da wurde ich das erste Mal vernommen.“ Der Raum ist groß und leer, anscheinend wird er nicht mehr genutzt. 1973 standen ein paar Schreibtische drin, hinter jedem ein Soldat und vor ihm eine Schreibmaschine. Während die Gefangenen verhört wurden, fuhrwerkte ein Friseur an ihren Haaren herum. „Er sollte uns verunstalten, um uns zu demütigen.“ Am Ende seines Verhörs wurde Ugarte ein nichtssagendes halbseitiges Protokoll vorgelegt. Als er sich weigerte, Platz zu lassen und direkt unter dem Text unterschreiben wollte, „da haben sie mich zusammengeschlagen“. Bis ein höherer Offizier vorbeikam, befahl, von ihm abzulassen und Ugarte nach seinem Namen fragte. „Hauptmann Ugarte“, antwortete er mit seinem einstigen Rang. Da wurde der Ton freundlicher, und der Friseur hat ihm sogar noch einen ganz ordentlichen Schnitt verpasst.

Alfonso Ugarte hatte da den Dienst bereits quittiert. Auf seinen Dienstgrad aber ist er bis heute stolz. Er war an der Militärakademie zum Luftfahrt-Ingenieur ausgebildet worden und auf der Luftwaffenbasis Cerillos am Rand von Santiago für die Wartung der Jagdflugzeuge vom Typ Hocket Hunter zuständig. Heute noch könnte er diese Maschinen zerlegen und wieder zusammensetzen. Vier Jahre vor dem Putsch hatte er in die Privatwirtschaft gewechselt, als Personalchef der metallverarbeitenden Fabrik „Indura“, die damals am Ende der Landebahn von Cerillos stand. Der Sozialistischen Partei Allendes gehörte er seit 1972 an. „Rund die Hälfte der 200 Indura-Arbeiter sympathisierte mit uns.“

Der 11. September 1973 war ein sonniger Frühlingstag. Kurz vor Mittag fielen die ersten Bomben auf die Moneda, den Präsidentenpalast im Zentrum von Santiago de Chile. Drinnen hatte sich Allende mit Freunden und Leibwächtern verschanzt. Kurz vor dem Angriff durch die eigene Luftwaffe hatte er seine letzte dramatische Radioansprache gehalten: „Dies sind meine letzten Worte, und ich bin sicher, dass mein Opfer nicht umsonst sein wird. Ich bin sicher, dass es wenigstens ein symbolisches Zeichen ist gegen den Betrug, die Feigheit und den Verrat.“

Draußen am Stadtrand bekam Alfonso Ugarte von alledem nichts mit. Um zwölf ging er, wie üblich, mit seinen Kollegen aus der Geschäftsführung zum Mittagessen. Im Lauf des Vormittags hatte es im Radio ein paar diffuse Nachrichten gegeben. Ugarte ahnte etwas, seit Wochen wurde die Möglichkeit eines Putsches diskutiert, „aber meine Erfahrung als Soldat sagte mir: In solchen Situationen muss man Ruhe bewahren.“

Als er nach dem Essen zurück in die Fabrik kam, war Allende schon tot. Gegen 14 Uhr hatte die Armee die Moneda gestürmt. Nach einem kurzen heftigen Feuergefecht ordnete der Präsident die Kapitulation an. Seine Freunde und Leibwächter ergaben sich. Er selbst erschoss sich wohl, im „Saal der Unabhängigkeit“. Ugarte erfuhr das erst am Abend. Noch viel später erzählte man ihm, dass ehemalige Kameraden aus seiner Luftwaffenzeit unter den Piloten waren, die den Präsidentenpalast zusammengebombt hatten.

Die Schäden an der Moneda wurden bald beseitigt. Schließlich wollte der putschende General Augusto Pinochet selbst dort einziehen. 30 Jahre lang stand der neoklassizistische Bau als düsterer graubrauner Klotz zwischen der Alameda del Libertador Bernardo O’Higgins, die Santiago als vielspurige Autobahn durchzieht, und dem Platz der Verfassung. Für Normalsterbliche war das Gebäude so gut wie unzugänglich. Erst Ricardo Lagos, der erste sozialistische Präsident nach Allende (2000 bis 2006), ließ den Palast in freundlichem Weiß renovieren, öffnete den Innenhof für Fußgänger und ließ am Rand des Verfassungsplatzes eine Allende-Statue errichten. Im Museum im Untergeschoss fand bis Ende August eine Ausstellung über Leben und Werk des vor 35 Jahren gestürzten Präsidenten statt. Er wäre am 26. Juni 100 Jahre alt geworden.

Alfonso Ugarte geht gerne an der Moneda vorbei und an dem Denkmal für den Mann, der damals für ihn und für viele eine große Hoffnung bedeutete: Hoffnung auf ein besseres, solidarischeres Chile und darauf, dass ein menschlicher, demokratischer Sozialismus möglich sei. Er hat diese Hoffnung noch immer. „Jeder spricht heute noch von Allende“, sagt er. „Pinochet dagegen ist nur dunkle Vergangenheit. Seit er tot ist, spielt er keine Rolle mehr.“

Ugarte schätzt die Umtriebigkeit in den Straßen, die von hier hinüber zur Plaza de Armas führen. Er mag die lauten Cafés, in denen knapp bekleidete junge Frauen den Regierungsbeamten den Espresso am Ende der Mittagspause servieren. Noch mehr mag er das Bohème-Viertel schräg gegenüber, auf der anderen Seite der Alameda O’Higgins, hinter der Kirche von San Francisco, der ältesten in Santiago. Es ist das einzige richtige Altstadtviertel in einer ansonsten modernen Stadt. Enge Gässchen, gesäumt von Gründerzeit-Fassaden, billige Restaurants mit chilenischer Hausmannskost. Ein bisschen sei das wie in Wien, sagt Ugarte. Das habe man ihm zumindest erzählt. „Ich war nie in Wien.“

Am Tag nach dem Putsch wurden morgens um sechs im Radio Listen mit den Namen derjenigen verlesen, die sich den Militärs ergeben sollten. „Der zweite Name auf der Liste war meiner.“ Ugarte glaubte, er höre nicht richtig. Was hatte er da zu suchen, zwischen lauter Ministern und hohen Parteifunktionären? An diesem Tag ging er nicht zur Arbeit. Er rief ein paar Verwandte an und versteckte sich dann bei einem Freund aus der Schulzeit, von dem er wusste, dass er politisch rechts stand. Dort würde ihn niemand suchen. Erst viel später erfuhr er, dass er durch einen dummen Zufall auf die Liste geraten war. Nicht er wurde gesucht, sondern ein kritischer Journalist, der seine gegen die Militärs gerichteten Kommentare mit einem Pseudonym unterzeichnet hatte: Alfonso Ugarte.

Als drei Tage lang nicht passiert war, verließ Ugarte sein Versteck, und am nächsten Tag ging er wieder zur Arbeit. Er zog sich warm an, nahm den Parka mit. Für den Fall, dass er doch festgenommen werden sollte. Im September beginnt in Chile zwar das Frühjahr, aber es kann noch empfindlich kalt werden. „Ich dachte, wenn etwas passiert, dann kann das höchstens ein paar Tage dauern.“ Es passierte etwas. Direkt vor der Fabrik. Ugarte kannte den Offizier, der ihn verhaftetete. Auf der Ladefläche eines Pritschenwagens wurde der Gefangene zunächst ins Luftwaffenquartier auf dem Flughafen gebracht. Dort wusste niemand, was man mit ihm tun sollte. Also fuhr man ihn zum Verteidigungsministerium, gleich neben dem Präsidentenpalast. Schließlich bekamen seine Häscher die Anweisung, ihn ins Nationalstadion zu bringen.

Dort wurden die Gefangenen nach dem ersten Verhör in einen langen düsteren Gang gebracht, und da standen sie dann die ganze Nacht, die Hände an der Wand, die Beine gespreizt. Jeder wurde von einem Soldaten bewacht. Alle paar Minuten kam ein Befehl. Der Soldat trat vor und schlug dem Häftling mit dem Gewehrkolben in die Rippen. Doch Ugarte wurde nicht geschlagen. Sein Wächter bremste den Gewehrkolben kurz vor dem Körper ab. Ugarte verstand nicht. Nach dem nächsten Befehl flüsterte der Soldat ihm zu: Schrei doch, du Depp! „Dann habe ich jedes Mal geschrien.“

Die Zelle, in die er tags darauf gebracht wurde, musste er mit 30 weiteren Gefangenen teilen. Heute ist dort eine Umkleidekabine. Keine dieser luxuriösen, die den Profiklubs vorbehalten sind, mit Duschen und in den Boden eingelassenem Entspannungsbecken. Eher die Minimalausstattung für Schulen: Spinde an der Wand, in der Mitte eine lange Bank. Damals gab es nicht einmal das. Nur ein Loch im Boden, das als Toilette diente. Und es war so eng, dass die Gefangenen nur in Schichten schlafen konnten.

Nach drei Tagen wurden sie zum ersten Mal vom Roten Kreuz mit Lebensmitteln versorgt. Ein bisschen Brot und ein Becher Milch. Zwei Monate später, am 13. November wurde das Stadion geräumt. Ein Fußball-Länderspiel stand an. Ugarte wurde ins Gefangenenlager Chacabuco in der Wüste im Norden von Chile verlegt. Das Nationalstadion wird seither wieder als Sportarena genutzt.

Im Mai 1974 wurde er zum Prozess zurück nach Santiago gebracht, in die Penitenciaria, das Stadtgefängnis. Die Trutzburg aus dem 19. Jahrhundert liegt am Stadtrand, in der abendlichen Wintersonne strahlen die weißen Mauern. Gleich daneben befindet sich ein moderner Justizkomplex: Gerichtssäle, neben- und übereinandergestapelt und zu einem riesigen Würfel aus Beton, Stahl und Glas geformt. „Den gab es damals noch nicht“, sagt Ugarte. Das Gefängnis aber wird immer noch als solches genutzt. Er betrachtet es von der anderen Straßenseite. Näher heran will er nicht. Nicht noch einmal diese Nähe zur Vergangenheit, die im Stadion über ihn gekommen war. Er wurde damals im Isoliertrakt untergebracht, zusammen mit einem jungen Mann in einer engen Zelle mit zwei Betten. Viel besser als im Stadion. „Ich durfte sogar einmal in zwei Wochen Besuch empfangen.“

Die Nacht vor ihrem Prozess mussten die Häftlinge stehend verbringen, mit verbundenen Augen vor einer Wand. Sie sollten das Gefühl für Raum und Zeit verlieren. Auch Ugarte wurde zur Wand geführt. Doch inzwischen hatte sich herumgesprochen, dass er einen militärischen Dienstgrad hatte. Irgendwann in der Nacht brachte ihm ein junger Mann ein Bett. „Sie haben Freunde hier, Hauptmann Ugarte“, flüsterte er. „Machen Sie sich keine Sorgen.“

Der Staatsanwalt warf ihm absurde Dinge vor: Dass er einen Lieferwagen gestohlen hätte. Dass man gesehen habe, wie er in Uniform Arbeiter an der Waffe ausgebildet habe. „Ich habe seit meinem Abschied nie wieder eine Uniform getragen.“ Doch der General, der als Richter fungierte, war freundlich zu ihm. Ugarte wurde freigesprochen. Seinen Arbeitsplatz in der Fabrik aber hatte er verloren. Weil er länger als fünf Tage unentschuldigt gefehlt hatte, wurde er entlassen. Immerhin erstritt er sich eine Abfindung. Aber eine andere Arbeit fand er nicht. Anfang 1975 ging er nach Deutschland ins Exil. Fast zwei Jahrzehnte lebte er im schwäbischen Nürtingen.

1989, zur ersten demokratischen Wahl nach dem Putsch, besuchte er die alte Heimat. Da hatte er noch kein Wahlrecht. Am 3. August 1993 ist er endgültig zurückgekehrt. Er hat zunächst in Santiago bei einer Versicherung gearbeitet, heute ist er Rentner und lebt mit seiner über 90-jährigen Mutter auf dem Land in Rapel, einer Weinbaugegend, zwei Stunden Autofahrt südlich von Santiago. Dort organisiert er den Wahlkampf der Sozialisten für die Gemeinderatswahl im November. Wenigstens einmal im Monat kommt er nach Santiago. „Das sollte ich öfter tun. Santiago ist eine schöne Stadt.“ Nur die Orte seiner Gefangenschaft meidet er noch immer.

(Quelle: Tagesspiegel, 14.09.2008)

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